In nur etwas mehr als 30 Tagen wird Mönchengladbach einen neuen Stadtrat haben.
Wie sich dieser zusammensetzen wird, hängt wesentlich vom Wahlverhalten der Mönchengladbacher „Wahlbürger“ und nicht unwesentlich von der Wahlbeteiligung und den Parteien ab, die sich zur Wahl stellen.
Nicht zu unterschätzen ist dabei auch der Einfluss der politische Lage in der Bundesrepublik.
Dieser Einfluss kam bei der Bundestagswahl im Februar 2025 zum Ausdruck, indem AfD und DIE LINKE in Mönchengladbach gegenüber der Bundestagswahl 2021 dem Bundestrend entsprechend bei den Zweitstimmen mit 18,06% (AfD) und 9,49% (DIE LINKE) erheblich „zulegen“ konnten.
Worin liegen die systemischen Unterschiede zwischen Bundestags- und Kommunalwahl in NRW?
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Aspekt |
Bundestagswahl |
Kommunalwahl NRW |
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Entscheidend – in wahrsten Sinne des Wortes – für die Entwicklungen in Mönchengladbach in den nächsten 5 Jahren ist die Zusammensetzung des Stadtrats.
Manche meinen, metaphorisch die „berühmte“ Glaskugel bemühen zu können, um den Ausgang der Wahl zu prophezeien, andere wiederum träumen davon, dass die Wahl ähnlich ausgehen wird, wie 2020, aus der eine Ampel-Kooperation hervorging, die sich im November 2024 auflöste.
Beide Denkrichtungen gehen fehl, bilden sie doch keinerlei Grundlage für die ein faktenbasierte Prognose.
Denn Fakt ist u.a.:
Die Besonderheit bei einer Kommunalwahl ist, dass es keine „Zweitstimmen“ gibt, sondern nur jeweils ein Kreuz auf dem Stimmzettel entscheidet über die Zusammensetzung des Stadtrats.
Die Stimme gilt gleichzeitig für Direktkandidat und dessen Partei (Koppelung).
Die Ratssitze werden nach dem Verhältnis der Gesamtstimmen (Ergebnis aller Wahlbezirke) verteilt.
Direktmandate werden von der Gesamtzahl der einer Partei zustehenden Sitze abgezogen.
Seit der Kommunalen Neugliederung im Jahr 1975 dominiert die CDU in Mönchengladbach die meisten Wahlbezirke, ohne dass es zu einer absoluten Ratsmehrheit geführt hatte.
Diese Dominanz führt aktuell dazu, dass ein CDU-Kandidat in der „heißen Phase“ des Kommunalwahlkampfes in mindestens einem Wahlbezirk in Urlaub sind und sie es damit ihren Parteifreunden überlassen, für sie an Wahlständen zu werben.
Erklärung eines CDU-Kandidaten: „Ich werde ja sowieso gewählt“.
Die Fakten zum aktuellen Mönchengladbacher Stadtrat
Aufgrund der Tatsache, dass bei der Kommunalwahl 2020 die CDU in 26 der 33 Wahlbezirke ihre Direktkandidaten durchbrachten, wuchs die Zahl der Ratsmitglieder aufgrund von Überhangs- und Ausgleichsmandaten auf 76.
Dies deshalb, weil die CDU mehr (direkt gewählte) Ratsmitglieder errang, als ihr nach dem prozentualen Stimmenanteil zugestanden hätten (Überhangmandate).
Um im Rat die von den Wählern bestimmten Mehrheitsverhältnisse „abzubilden“ erhielten die übrigen Parteien „zum Ausgleich“ zusätzliche Mandate.
Im Verlauf der Ratsperiode 2020 – 2025 gingen der AfD ein Ratsmandat und den Grünen zwei Ratsmandate verloren.
Darüber hinaus löste sich die 4-köpfige AfD-Fraktion auf.
Drei dieser Fraktionsmitglieder gründeten unter dem „Label“ BÜNDNIS DEUTSCHLAND eine neue Ratsfraktion, ein Mitglied verblieb „fraktionslos“ im Rat, so dass sich der Mönchengladbacher Stadtrat aktuell wie folgt zusammensetzt:
Fraktionen:
• CDU: 26 Sitze
• SPD: 20 Sitze
• Grüne: 14 Sitze
• FDP: 4 Sitze
• DIE LINKE: 3 Sitze
• Bündnis Deutschland: 3 Sitze
Gruppe „DIE FRAKTION“: 2 Sitze
Fraktionslos: 4 Sitze
Unstrittig dürfte sein, dass sich nach die Kommunalwahl am 14. September 2025 der Stadtrat von Mönchengladbach spürbar verändern wird.
Er dürfte stärker fragmentiert sein.
Erstmals tritt die pro-europäische Partei Volt zur Kommunalwahl in Mönchengladbach am 14. September 2025 flächendeckend in allen 33 Wahlbezirken an.
Die junge Partei (gegründet: 2017) mit überwiegend jungen Mitgliedern und erkennbarem Kompetenz-Potenzial, will nun auch in der Vitusstadt Fuß fassen.
In anderen NRW-Großstädten wie Köln (4 Ratsmandate), Bonn (3), Düsseldorf (2), Dortmund (2) und Aachen (2) ist VOLT bereits in der Kommunalpolitik etabliert.
In den Wahlbezirken zugelassen sind insgesamt 327 Direktkandidaten:
AfD (in 33 Wahlbezirken) B90/Die Grünen (33), BSW (33), CDU (33), DIE LINKE (33), Die PARTEI (33), FDP (33), SPD (33), VOLT (33), Freie Wähler (14), die Basis(9), Werteunion (6) und ein Einzelbewerber.
Zwei denkbare Szenarien
Zweitstimmen der Bundestagswahl als Indikator
Nach neuen amtlichen Zahlen gibt es in Mönchengladbach 276.061 Einwohner, davon 210.582 Wahlberechtigte.
(Quelle: Stadt Mönchengladbach)
Dennoch erwarten Beobachter zur Wahl am 14.09.2025 lediglich rund 45 % Wahlbeteiligung, was im Vergleich zur Bundestagswahl 2025 (77 %) erneut einen deutlichen Rückgang bedeuten würde.
Diese geringe Beteiligung verstärkt die Effekte auch kleinerer Stimmverschiebungen.
Indikator für diese Annahme ist das Mönchengladbacher Ergebnis der Bundestagswahl im Februar 2025.
(Quelle: Stadt Mönchengladbach)
Die Erststimmen bei einer Bundestagswahl sind als reine Personenwahl einzuordnen.
Da bei einer Kommunalwahl die Zusammensetzung des Stadtrates maßgeblich von den gültigen abgegebenen Stimmen abhängen wird, sind auch nur die Zweitstimmen bei der Bundestagswahl als „indikator“ von Relevanz.
Anhand der Zahlen ist festzustellen:
- Die Unterscheid zwischen den Erst- und Zweitstimmen der AfD war marginal und deshalb zu vernachlässigen.
- In fünf Wahlbezirken lag die Differenz zwischen CDU und AfD unterhalb von 1%-Punkt, in zwei dieser Wahlbezirke war die AfD prozentual stärker als die CDU.
- Im Wahlbezirk 24 landete der bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbekannte AfD-Kandidat bei den Erststimmen auf Rang 3 hinter CDU und SPD und die AfD bei den Zeitstimmen an 2. Stelle hinter der CDU.
Ratsgröße, Sitzverteilung und Mehrheiten • „Szenario 1“: Auf 74 Sitze vergrößerter Stadtrat
Besonders könnte davon die AfD profitieren, die sich – so die Annahme – mindestens drei Direktmandate sichern könnte (zu Lasten der CDU).
Der Stadtrat würde auf etwa 74 Sitze anwachsen (inkl. Überhang- und Ausgleichsmandate).
Danach entfielen 23 auf die CDU, 3 auf die AfD.
Die restlinen Direktmandate einfielen auf SPD und/oder Grüne.
Dieses Szenario kommt zu Tragen, wenn die CDU proportional mehr Stimmen auf sich vereinigen kann, als sie Direktmandate errungen hat, obwohl die AfD (von der CDU) 3 Direktmandate erringt.
Dies bei angenommener Wahlbeteiligung von 45% sowie realistischen Stimmenanteilen (AfD 13,5 %, LINKE 7,5 %, Volt 3,5 %).
Ein Stadtrat mit 74 Sitzen erfordert eine Mehrheit von 38 Sitzen.
Da angesichts des politischen Klimas in Deutschland und entsprechender Vorgänge in Mönchengladbach keine der Parteien mit der AfD kooperieren wird, ergeben sich beim „Senario 1“ drei rechnerisch möglich Kooperationsvarianten, wovon eine Variante aus Praktikabilitätsgründen in Kooperationsüberlegungen keine Rolle spielen dürfte.
Ratsgröße, Sitzverteilung und Mehrheiten • „Szenario 2“: Nominelle Stadtratsgröße (66 Ratsmitglieder)
Dieses Szenario kommt zu Tragen, wenn es keine Überhangmandate (und damit auch keine Ausgleichsmandate) gibt, weil die CDU genau 23 Sitze (proportional) genau 23 Direktmandate erhält und die AfD (von der CDU) 3 Direktmandate erringen würde.
Das setzt diese prozentuale Verteilung der gesamtstädtisch abgegebenen und gültigen Stimmen voraus.
Praktische Auswirkungen
- Reservelistenwirkung:
Parteien wie SPD, Grüne, AfD, Linke, FDP, VOLT, BSW und DIE PARTEI bekommen ihre Mandate überwiegend über die Reservelisten (außer dort, wo sie Direktmandate gewonnen haben).
Die Listenreihenfolge ist also für diese Parteien entscheidend.
- CDU-Reserveliste:
Diese wäre in diesem Szenario weitgehend wirkungslos, würde aber als Nachrückerliste für Ersatzfälle relevant bleiben.
Konkret würde das bedeuten, dass der Anführer der CDU-Reserveliste (gleichzeitig auch OB-Kandidat) keinen Ratsitz bekleiden könnte, falls er nicht seinen Diektwahlkreis gewinnen würde.
Das würde aber auch bedeuten, dass der bisherige CDU-Fraktionsvorsitzende (ohne eigenen Wahlbezirk) nicht mehr Ratsmitglied sein würde.
Ein Stadtrat mit 66 Sitzen erfordert eine Mehrheit von 34 Sitzen.
Da angesichts des politischen Klimas in Deutschland und entsprechender Vorgänge in Mönchengladbach keine der Parteien mit der AfD kooperieren wird, ergeben sich beim „Szenario 2“ nur zwei realistische Kooperationsvarianten.
Fazit
Die AfD würde mit drei Direktmandaten nicht nur erstmals in Mönchengladbach sichtbare Wahlkreiserfolge erzielen, sondern auch den Stadtrat in seiner Zusammensetzung deutlich mit prägen, im poltischen „Tagesgeschäft“ jedoch vermutlich eine eher untergeordnete Rolle spielen.
Für die CDU wäre der Verlust von drei Wahlkreisen ein bemerkenswerter Einschnitt.
Volt hingegen könnte als neue Kraft im Stadtrat in mehreren möglichen Koperationsvarianten den Ausschlag geben, wie bereits in der auslaufenden Wahlperode in diesen Kooperationen:
- Aachen: VOLT + Grüne + UWG + Piraten
- Köln: VOLT + Grüne + CDU
- Bonn: VOLT + Grüne + LINKE + SPD
- Düsseldorf: VOLT + SPD
- Münster: VOLT + Grüne + SPD













