Jede Wahl, besonders die auf kommunaler Ebene, macht was mit den Parteien und den Menschen, die sich für deren Ziele engagieren.
Manche dieser Menschen erkennen aber auch die Wirkung, die sie persönlich auf die Bürger haben, aber auch, dass sie in gewisser Weise Macht besitzen und möglicherweise sogar persönliche Vorteile generieren können.
Zu einer TOUR D’HORIZON gehört daher auch, die Kommunalwahlergebnisse dahingegend zu betrachten, welche Ursachen zum positiven oder negativen Abschneiden der Parteien (über die Wahl zum Hauptverwaltungsbeamten hinaus) geführt haben und welche Konsequenzen die Partei- und Fraktionsführungen kurz- und mittelfristig gezogen werden könnten.
Das gilt faktenorientiert sowohl für die vermeintlichen Gewinner der Wahl als auch für Verlierer.
Eine der Verliererinnen waren die Mönchengladbacher Grünen.
Bei der Kommunalwahl 2025 sind die Grünen in Mönchengladbach so tief gefallen wie kaum eine andere Partei, aber auch wie Grüne in anderen NRW-Kommunen.
Mit 8,6 Prozent im Stadtrat verloren sie mehr als die Hälfte ihrer Stimmen im Vergleich zum historischen Hoch von 2020.
Brüchige Fraktion statt Stabilität
Zwar traten die Grünen im Rat offiziell mit einer Doppelspitze (Dr. Boris Wolkowski und Lena Zingsheim, später Wolkowski mit wechselnden Partnerinnen) auf, doch die Fraktion war keineswegs so stabil, wie es nach außen wirkte.
Von den 16 Ratssitzen, die 2020 errungen wurden, gingen im Laufe der Ratsperiode zwei Mandate verloren.
Hintergrund waren parteiinterne ideologische Konflikte, wodurch zeitweise sogar die Mehrheit der Ampelkoalition wackelte, noch bevor sie endgültig zerbrach.
Darüber hinaus verließen mehrere fachkompente und hochengagierte „sachkundige Bürger“ sowohl die Gesamtfraktion als auch die Partei und legten gleichzeitig ihre Ämter in Fachausschüssen und Bezirksvertretungen nieder.
Dies besonders, weil der Fraktionsvorsitzende deren fachlich fundierte Argumentationen zu Sachthemen „coram publico abgebügelt hatte“ (Zitat eines Betroffenen).
Trotz dieser Verluste hielten die Grünen lange an einer engen Zusammenarbeit mit der SPD fest.
Selbst nach dem offiziellen Ende der Ampel arbeiteten die grünen Ratsmitglieder weiter intensiv mit dem SPD-Oberbürgermeister und der SPD-Fraktion zusammen.
Das vermittelte zwar ein Bild von Verantwortungsbereitschaft, entzog der Partei jedoch die Möglichkeit, sich klar von der SPD abzugrenzen – ein strategisches Handicap kurz vor der Wahl.
Diskontinuität beim Parteivorstand
Anders als im Rat zeigte sich die Parteiorganisation ohnehin von einer hohen Fluktuation geprägt.
Zwischen 2019 und 2025 wechselte der Kreisvorstand mehrfach:
2019 ein Dreierteam (zwei Frauen, ein Mann), 2021 eine halbe Neuwahl, 2022/23 pandemiebedingt ein kompletter Neustart, 2023 erneut ein Rücktritt und Nachwahl), 2025 schließlich – nur sechs Monate vor der Kommunalwahl – eine komplette Neuwahl, diesmal mit teilweise motivierten, aber politisch unerfahrenen Neumitgliedern.
Die breite Öffentlichkeit nahm diese Wechsel zwar kaum wahr, doch nach innen wirkten sie wie Sand im Getriebe:
Wahlkampfstrukturen konnten sich nicht einspielen, Verantwortlichkeiten wechselten ständig, und neue Vorstände mussten sich einarbeiten, anstatt langfristig zu planen.
Programmatik ohne Durchschlagskraft
Ein besonderes Problem lag im Kommunalwahlprogramm 2025.
Noch unter dem alten Vorstand von einer Mitgliederversammlung verabschiedet, umfasste es mehr als 50 Seiten – detailliert, aber schwer vermittelbar.
Kurz darauf kam der neue Vorstand ins Amt, der das Programm zwar formal vertrat, es aber nicht selbst erarbeitet hatte.
So entstand ein Bruch: Das Programm blieb Papier, während die Umsetzung im Wahlkampf kraftlos wirkte.
Rückblickend betrachtet, blieb unklar, in welchem Maße die Fraktionsspitze Einfluss auf das Programm genommen hatte, das Programm aus 2020 „fortzuschreiben“, um nahtlos die bisherige Politik fortsetzen und „Pfründe“ sichern zu können.
Scheitert Versuch einer „personellen Erneuerung“?
Bei allem Respekt vor dem Bestreben, mehr junge Leute für grüne Kommunalpolitik zu gewinnen, war der Beschluss der Reserveliste für den Rat und die Art und Weise, wie dies geschah, eher kontraproduktiv.
Wer auch immer – war nicht daran interessiert, die einerseits vorhandene Fachkompetenz für die neue Ratsperiode zu sichern und dadurch die teilweise langjährigen politischen Erfahrungen auf junge Menschen zu „transferieren“.
Der „Absturz“ von 16 (2020) und am Ende 14 auf nur noch 6 Ratssitze war nicht abzusehen, jedoch wurde trotz des absehbaren Erstarkens der AfD (auch in Mönchengladbach) aber offensichtlich nicht im Ansatz ins Kalkül gezogen.
Faktisch hat eine personelle Erneuerung in der geschrumpften Ratsfraktion (noch) nicht stattgefunden.
Ob es dazu jemals kommen wird, schien fraglich, denn eine konsequent kritische Aufarbeitung scheint nicht in Sicht zu sein, wenn man sich die Pressemitteilung des Parteivorstandes vom 15.09.2025 mit dem Titel „Nach der Wahl ist vor der Zukunft – wir bleiben mutig“ vor Augen führt, die -nachvollziehbarerweise – von „Danksagungen“ geprägt war.
Dabei fiel auf, dass es eine solche „Danksagung“ an die Fraktionsspitze nicht gab.
Diese wurde bezeichnenderweise in einer späteren Pressemitteilung „nachgeholt“.
Hier die PM des „jungen“ Grünen-Kreispartei-Vorstandes im Wortlaut:
"Nach der Wahl ist vor der Zukunft – wir bleiben mutig" • PM vom 15.09.2025
„Trotz unseres Wahlergebnisses sind wir dankbar und bleiben mutig“, betont Ilka Bresges. Wir danken unseren Wähler*innen in dieser unruhigen Zeit!
Wir bedanken uns mit großem Respekt bei den vielen Wahlkampfhelfer*innen in allen Bezirken, die mit kreativen und engagierten Aktionen und unermüdlich ihre Zeit und Energie in den Dienst unserer gemeinsamen Ziele gestellt haben und stellen werden.
Wir bedanken uns bei unseren aktiven Kandidat*innen für ihren Einsatz und ihre nicht selbstverständliche Bereitschaft, in stürmischen Zeiten sichtbar und mit ihrem Namen die weiterhin so dringend benötigte Verantwortung zu übernehmen.
Wir danken unseren starken Frauen im Rat, in den Bezirken, in unserer Partei, allen voran den auch zukünftigen Ratsfrauen Melissa Kunkel-Laws und Laura Steeger.
Wir danken Marion Manske für einen starken Ortsverband Mönchengladbach Nord und unserer Grünen Jugend für ihre Rückendeckung und Mitarbeit.
Wir danken ausdrücklich unserer Landtagsabgeordneten Lena-Zingsheim-Zobel für ihre andauernde, tatkräftige und willkommene Unterstützung.
Wir danken unserer ehemaligen Bundestagsabgeordneten Kathrin Henneberger für ihren Einsatz.
Wir danken MdB Ricarda Lang, MdB Toni Hofreiter und MdEP Daniel Freund für ihren Besuch. Ein besonders tiefer Dank gilt unserem Oberbürgermeisterkandidaten Marcel Klotz für seinen beeindruckenden persönlichen Einsatz.
„Wir sind dankbar, auch weiterhin von seiner Kompetenz und Menschlichkeit als Partei und als Parteikolleg*innen profitieren zu dürfen“, erklärt Karsten Daskalakis.
Unsere sechs Sitze im Rat der Stadt Mönchengladbach sowie die insgesamt acht Mandate in den Bezirksvertretungen sind für uns mehr denn je Auftrag und Verpflichtung: für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, gelebte Demokratie und eine Stadtgesellschaft des Miteinanders.
„Selbstverständlich sind wir mit dem Wahlergebnis nicht zufrieden“, so Ilka Bresges.
„Wir sind nicht zufrieden damit, dass die Mehrheit der wahlberechtigten Mönchengladbacher*innen nicht gewählt haben und dass die ausschließliche Betrachtung von Prozentzahlen das zunehmende Desinteresse an demokratischer Mitgestaltung verdeckt.“
„Wir sind erschrocken darüber, wie viele Stimmen die Rechtsextremen erhalten haben und erinnern die CDU als stärkste Fraktion an ihre Verantwortung für eine funktionierende Brandmauer“, ergänzt Karsten Daskalakis.
Wir sind enttäuscht darüber, dass der Einsatz für eine klimaresiliente Stadt, für ein vielfältiges Miteinander aller Menschen, für ein grünes und lebenswertes Stadtgebiet und ein sozial gerechtes Mönchengladbach jetzt noch schwieriger wird und noch mehr Einsatz und persönliches Engagement von uns und unseren Unterstützer*innen abverlangt.
Wir sind auch enttäuscht darüber, dass die grünen Anteile an den Erfolgen der Ampelkoalition sowie auch mehrheitlich umgesetzte, von uns federführend eingebrachte Anträge der Ratsfraktion und in den Bezirksvertretungen nicht deutlich genug sichtbar wurden. Und doch sind wir dankbar für das gemeinsam politisch Erreichte.
Wir bedauern von Herzen, dass mit Anita Hoffmann eine starke Stimme für Senioren nicht mehr im Rat zu hören sein wird und empfinden es als Verlust, dass mit Andreas Wigan eine Stimme der Jugend den Einzug leider nicht geschafft hat.
„Wir Grüne Mönchengladbach lassen uns von diesem Ergebnis nicht entmutigen. Im Gegenteil: Es spornt uns an, noch sichtbarer, lauter und entschlossener für das einzutreten, was unsere Stadt und ihre Menschen in Zukunft noch dringender braucht – Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Vielfalt und ein solidarisches Miteinander“, sagt Ilka Bresges.
„Wir wissen, dass Veränderung nie leicht ist. Aber wir wissen auch: Nur, wer zuhört, wer mutig bleibt, kann Zukunft gestalten. Mönchengladbach hat das Potenzial, eine Stadt der Chancen, der Gerechtigkeit und der ökologischen Verantwortung zu sein. Dafür kämpfen wir – im Rat, in den Bezirken und in der Stadtgesellschaft“, unterstreicht Karsten Daskalakis.
Wir laden alle Demokrat*innen ein, diesen Weg gemeinsam mit uns zu gehen und sich zu engagieren.
Gegen die Feinde der Demokratie, für eine klimafeste Stadt, für eine offene Gesellschaft, für eine lebenswerte Zukunft.
Wir bleiben mutig.
Wir stehen ein und kümmern uns.
Für unsere Kinder und Enkelkinder.
Fazit
Die Grünen scheiterten in Mönchengladbach 2025 nicht allein an bundespolitischem Gegenwind, sondern an lokalen, inhaltlichen und personellen Schwächen.
Entscheidend war wohl ein doppeltes Problem:
Eine Fraktion, die durch Mandatsverluste und ideologische Brüche an Stabilität einbüßte, aber auch Maßnahmen unterstützte, die sie zu Beginn der Ratsperiode abgelehnt hatte.
So zum Beispiel beim „Rathaus-Neubau“ entwickelte sich die grüne Fraktionsspitze zu einer kritiklosen Verfechterin.
Beim grünen Kernthema „Radverkehr“ wurde das Anliegen der Initiative „Radentscheid“ rigoros abgelehnt, weil das offensichtlich dem Kooperationspartner SPD und dem SPD-Oberbürgermeister nicht passte.
Um nur zwei Fakten zu nennen.
Problemfeld zwei:
Der Parteivorstand musste sich mehrfach neu (er)finden, wodurch sich zunehmende Ideologisieren in Richtung von „Meta-Themen“, wie teilweise überzogenes „Sternchen-Gendern“ und queere und feministische Aspekte breit machten, statt kommunale realpolitische Richtungen vorzugeben.
So festzustellen anläßlich einer Mitgliederversammlung, in der das Personal-Tableau für die Wahlbezirke und die Reserveliste für den Rat beschlossen wurde.
Der bis zuletzt enge Schulterschluss der grünen Ratsfraktion mit der SPD zeigte vermeintliches Verantwortungsbewusstsein, raubte den Grünen jedoch zugleich die Chance, eine eigenständige Linie zu entwickeln und stärkte damit die SPD als politischen Gegner.
HINWEIS:
Weitere Teile von TOUR D’HORIZON werden sich u.a. mit den möglicherweise aktuell „hinter den Kulissen“ stattfindenden Vorbereitungen zu Kooperationen (mit und ohne Ratsmehrheit) und den Auswirkungen der Wahlergebnisse auf einzelne Parteien befassen.











